Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

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Die Friedrich-Schiller-Uni­ver­sität Jena blickt auf eine lange Tra­dition zurück. In ihren Selbst­dar­stel­lungen beziehen sich Stadt, Uni­ver­sität und auch die Phi­lo­sophie gern auf das Jena um 1800: das Zeit­alter der Auf­klärung, die durch das Wirken von Goethe und Schiller geprägte Weimar-Jenaer Klassik, die Romantik und den deut­schen Idealismus.

Während der Zwi­schen­kriegspe­riode jedoch gilt Jena als eine Hochburg eines völ­kisch-natio­na­lis­ti­schen und anti­de­mo­kra­ti­schen Phi­lo­so­phie­ver­ständ­nisses. Novem­ber­re­vo­lution und Wei­marer Republik gelten den hier wir­kenden Pro­fes­soren, ins­be­sondere Bruno Bauch, Max Wundt und Carl August Emge, als Aus­druck eines kul­tu­rellen Ver­falls und einer pro­ble­ma­ti­schen Gleich­ma­cherei, der sie ein eli­täres und völ­ki­sches Staats­ver­ständnis ent­ge­gen­setzen. Die Rea­li­sierung ihrer poli­ti­schen Vor­stel­lungen erhoffen sie sich von einer phi­lo­so­phi­schen Rück­be­sinnung auf das „Wesen des deut­schen Geistes“. Insofern betreiben sie Phi­lo­sophie in poli­ti­scher Absicht und dies in expli­ziter Bezug­nahme auf geis­tes­ge­schicht­liche Strö­mungen und Tra­di­tionen, die für das Selbstbild der Uni­ver­sität heute wei­terhin prägend sind. So begründet Bruno Bauch seine radikal anti­de­mo­kra­tische Phi­lo­sophie der Ungleichheit mit einer neu­kan­tia­nisch beein­flussten Theorie der Werte, Max Wundt beruft sich in seiner Agi­tation für einen auf völ­ki­scher Grundlage zu errich­tenden Stän­de­staat auf den deut­schen Idea­lismus und Carl August Emge bezieht sich in seiner Recht­fer­tigung des Natio­nal­so­zia­lismus auf die Phi­lo­sophie Friedrich Nietz­sches. Diese Über­zeu­gungen schlagen sich nicht nur in einer Vielzahl popu­lärer Ver­öf­fent­li­chungen und Vor­trags­ver­an­stal­tungen, sondern auch in der Mit­arbeit in Par­teien, Ver­bänden und der Gründung phi­lo­so­phi­scher Gesell­schaften nieder.

Zum Teil setzen sich diese Akti­vi­täten in den 30er Jahren in einer offenen Par­tei­nahme für den Natio­nal­so­zia­lismus fort. Insofern waren am Phi­lo­so­phi­schen Seminar der Lan­des­uni­ver­sität Thü­ringen Strö­mungen prägend, die nicht nur gegen die Novem­ber­re­vo­lution und die Wei­marer Republik agi­tierten, sondern darüber hinaus nach 1933 auch den Versuch unter­nommen haben, eine phi­lo­so­phische Recht­fer­tigung der „Welt­an­schauung“ und der poli­ti­schen Prak­tiken des NS zu entwickeln.

Doch wie sind hier phi­lo­so­phische Begrün­dungs­an­sprüche, Bezug­nahmen auf phi­lo­so­phische Tra­di­tionen und poli­tische Ori­en­tie­rungen mit­ein­ander ver­mittelt? Wie ent­standen und radi­ka­li­sierten sich diese Begrün­dungs­ver­suche? Welche Wir­kungen haben sie ent­faltet? Und was folgt daraus für unseren Umgang mit der Tra­dition und für unsere Auf­fassung von Phi­lo­sophie heute?

Über ver­schiedene Formate – eine Online-Aus­stellung, Stadt­rund­gänge und kleinere Texte – wollen wir diese Zusam­men­hänge zum Aus­gangs­punkt einer kri­ti­schen Selbst­be­fragung machen.

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