Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Bruno Bauch 1914–17: Der Streit in der Kantgesellschaft

Die Nation ver­steht Bauch hier einer­seits als kul­tu­relle Einheit. Diese kul­tu­relle Einheit führt er auf eine gemeinsame Praxis der Rea­li­sierung mora­li­scher, epis­te­mi­scher und ästhe­ti­scher Werte zurück.

An der Ent­wicklung der „Ideen von 1914“ beteiligt sich auch Bruno Bauch. 1916 erscheint in den Kant-Studien sein Artikel „Vom Begriff der Nation. Ein Kapitel zur Geschichts­phi­lo­sophie“. Er geht auf eine für die „staats­wis­sen­schaft­liche Gesell­schaft“ in Jena gehaltene Rede zurück.

Ande­rer­seits aber geht er von einer vor­ge­ge­benen natür­liche Grundlage dieser kul­tu­rellen Praxis aus. Diese natür­liche Grundlage ver­steht er als Gemein­schaft der Abstammung. Sie ermög­licht ein intui­tives gemein­sames Ver­stehen und Erkennen. „Ohne dass ich selber auch nur ein Wort zu reden brauche, bieten mir im Aus­lande die Zei­tungs­aus­träger Deutsche Zei­tungen in Deut­scher Sprache an und höre ich sagen: ‚Das ist ein Deutscher.‘“

Damit unter­stellt auch Grenzen des Ver­stehens und der Kultur, die sich aus der „natür­lichen Abstam­mungs­ge­mein­schaft“ ergeben. „Allein, wo wir nicht sagen können: ‚Das ist Blut von unserem Blute,‘ da findet einmal sicher doch auch unser Ver­ständnis eine Grenze.“ Auf diese Weise führt er die „kul­tu­relle Son­der­be­stimmung eines jeden Volkes“ auf eine „Gemein­schaft des Blutes“ zurück. Damit voll­zieht er eine ent­schei­dende Radi­ka­li­sierung der Ideen von 1914. Die zu schaf­fende nationale Gemein­schaft wird jetzt völ­kisch-exklusiv ver­standen. Dieses exklusive Gemein­schafts­konzept wird zudem auch zu einem Beur­tei­lungs­kri­terium auf dem Gebiet der Philosophie.

Damit ist der Aufsatz auch Aus­druck eines Umschwungs des innen­po­li­ti­schen Klimas in Deutschland. Ange­sichts der zunehmend schlech­teren Ver­sor­gungslage und dem Aus­bleiben eines erhofften schnellen Sieges kommt es zu einem Anwachsen anti­se­mi­ti­scher Res­sen­ti­ments. Natio­na­lis­tische Ver­bände agi­tieren gegen die Ein­wan­derung von Jüdinnen und Juden aus den besetzten Gebieten des Ostens. Die soge­nannte „Juden­zählung“, eine Erhebung über die Betei­ligung von Juden am Mili­tär­dienst, unter­stellt implizit „Drü­cke­ber­gerei“ und eine gemein­schafts­schä­di­genden Haltung. Auch in anderen ange­se­henen wis­sen­schaft­lichen Zeit­schriften erscheinen Artikel, die Juden einen zer­set­zenden Ratio­na­lismus und die Auf­lösung aller natür­lichen Bin­dungen zuschreiben.

Auf diese poli­tische Dimension hatte ins­be­sondere Hermann Cohen, jüdi­sches Mit­glied der Kant-Gesell­schaft und Begründer des „Mar­burger Neu­kan­tia­nismus“ hin­ge­wiesen. Er schreibt in einem Brief an seinen Freund Paul Natorp: „Muss es da nicht scheinen, als ob in den höchsten Gefahren der Politik die Deut­schen doch immer an die Juden denken, ob sie nur ja nicht zu viel ver­dienen, oder sich drücken, oder (…) in zu geringer Anzahl fallen?“ Ernst Cas­sirer, Assistent Cohens fragt in seiner Reaktion auf Bruno Bauch: „Wohin geraten wir, wenn in dem Streit um die Gül­tigkeit eines Satzes nicht mehr sein reiner Inhalt mass­gebend ist, wenn eine Ent­scheidung nicht mehr von seinen logi­schen Vor­aus­set­zungen und Gründen, sondern der Per­sön­lichkeit seines Urhebers her­ge­nommen werden soll?“

Auch der Geschäfts­führer der Kant-Gesell­schaft und eins­tiger För­derer von Bruno Bauch, Hans Vai­hinger, kri­ti­sierte die anti­se­mi­tische Aus­richtung von Bauchs Aufsatz. Er war der Auf­fassung, der Aufsatz gehöre auch nicht in die „Phi­lo­sophie im engeren Sinne“. So schreibt er in einem Brief an den Direktor der Kant-Gesell­schaft, Bauch stelle den jüdi­schen Mit­gliedern „doch schließlich den Stuhl vor die Türe der Wis­sen­schaft, so, dass die Juden sich vom deut­schen und wis­sen­schaft­lichen Leben und von der deut­schen Kultur als aus­ge­schlossen betrachten müssen.“

Der Aufsatz Bauchs hatte sei­nerzeit für einiges Auf­sehen gesorgt. Nach Pro­testen und Rück­tritts­dro­hungen innerhalb der Kant-Gesell­schaft und ver­schie­denen geschei­terten Ver­mitt­lungs­ver­suchen trat Bauch von der Redaktion der Kant-Studien zurück. Dieser Rück­tritt war jedoch kein Rückzug. Bauch ver­öf­fent­lichte in der all­deut­schen Zeit­schrift „Der Panther“ eine Selbst­recht­fer­tigung seines Vor­gehens. Die Reak­tionen der jüdi­schen Mit­glieder der Kant-Gesell­schaft greift er hier als bevor­mundend an. Zudem sti­li­siert er sich als Kämpfer gegen Mei­nungs­verbote. Er könne „eine Art jüdi­scher Ober­zen­sur­be­hörde nicht anerkennen.“

Diese Ein­las­sungen Bauchs sind nicht ohne Wir­kungen geblieben. Noch Jahre später sollte man sich an sie erinnern. So bezieht sich Erich Jaensch, Nach­folger Hermann Cohens in Marburg und über­zeugter Natio­nal­so­zialist, nach den Pogromen vom 9. November 1938 positiv auf Bauch als Vor­kämpfer gegen den jüdi­schen Ein­fluss in der Wissenschaft.

Aus­ge­wählte Literatur

Bruno Bauch, Vom Begriff der Nation. Ein Kapitel zur Geschichts­phi­lo­sophie, Berlin 1916a.

Bruno Bauch, Brief, in: ders., Der Panther. Deutsche Monats­schrift für Politik und Volkstum, Jg. 4, H6, 1916b.

Bruno Bauch, Mein Rück­tritt von den Kant-Studien. Eine Antwort auf viele Fragen, in: Ernst Cas­sirer. Nach­ge­lassene Manu­skripte und Texte. Band 9. Zu Phi­lo­sophie und Politik, Hamburg 2008.

Ernst Cas­sirer, Zum Begriff der Nation. Eine Erwi­derung auf den Aufsatz von Bruno Bauch, in: ders., Nach­ge­lassene Manu­skripte und Texte. Band 9. Zu Phi­lo­sophie und Politik, Hamburg 2008.

Hermann Cohen, Brief an Paul Natorp vom 6.11.1916, in: Holzhey, Helmut, Cohen und Natorp. Der Mar­burger Neu­kan­tia­nismus in Quellen. Band 2, Basel/Stuttgart 1986.

Ulrich Sieg, Geist und Gewalt: Deutsche Phi­lo­sophen zwi­schen Kai­ser­reich und Natio­nal­so­zia­lismus, München 2013.

Bildnachweis

  • Titel: Bruno Bauch, vor 1920
  • Autor: unbe­kannt
  • Quelle: http://phaidon.philo.at/asp/bbauch.htm
  • CC-Lizenz: https://de.wikipedia.org/wiki/Bruno_Bauch#/media/Datei:Bruno_Bauch.png
  • QS:P,+1920–00-00T00:00:00Z/7,P1326,+1920–00-00T00:00:00Z/9

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