Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Bruno Bauch 1920–23: Nietzsche und das aristokratische Ideal

Den 75. Geburtstag von Eli­sabeth Förster-Nietzsche am 10. Juli 1921 nimmt Bruno Bauch zum Anlass, in der Phi­lo­so­phi­schen Fakultät die Ver­leihung der Ehren­dok­tor­würde zu bean­tragen – mit Erfolg. In der Begründung der Kom­mission, der auch Max Wundt ange­hörte, werden ihre Ver­dienste um den Nachlass Nietzsche, die Bewahrung und Ver­mittlung seiner Schriften her­vor­ge­hoben. Die Ehrung erfolgte am 18. Juli 1921 in der Jenaer Stadt­kirche und hat Ereig­nis­cha­rakter: Eli­sabeth Förster-Nietzsche war die erste Frau, die an der Uni­ver­sität Jena eine solche Ehrung erhielt. Gut eine Woche zuvor wurde zur Feier des Geburts­tages ein Fest­kol­lo­quium in der Villa Sil­ber­blick abge­halten, und auch hier ist Bauch – neben Thomas Mann und dem Förster-Nietzsche freund­schaftlich eng ver­bun­denen Rudolf Eucken – als Redner ver­treten. In dieser Rolle arbeitet er an einer ‚deut­schen’ Lesart Nietz­sches, ganz im Sinne der zu Pfingsten 1917 in der Villa Sil­ber­blick gegrün­deten Deut­schen Phi­lo­so­phi­schen Gesell­schaft, der es, ihrer Satzung zufolge, um die „Pflege, Ver­tiefung und Wahrung deut­scher Eigenart auf dem Gebiete der Phi­lo­sophie“ zu tun ist. Aus dem Kreis der Refe­renten ist es Bruno Bauch, dessen Beitrag „Nietzsche und das aris­to­kra­tische Ideal“ in seiner wert­phi­lo­so­phi­schen Aus­richtung deutlich natio­na­lis­tische, in den hier­ar­chi­schen Ord­nungs­mustern, die er ent­wi­ckelt, völ­kische Züge trägt.

In seinem Fest­beitrag unter­nimmt es Bauch, Nietzsche als Ver­treter der von ihm selbst ver­tre­tenen Wert­phi­lo­sophie zu rekru­tieren, der er seit 1916, seit seinem Vortrag „Vom Begriff der Nation“ in der Jenaer Staats­wis­sen­schaft­lichen Gesell­schaft, eine immer deut­li­chere völ­kisch-exklusive Aus­richtung gibt. Der Titel seines Förster-Nietzsche zu Ehren gehal­tenen Vor­trags hätte auch lauten können: „Phi­lo­sophie als Anti­de­mo­kratie“. Denn nach Bauchs Auf­fassung – und zu deren Unter­stützung ruft er neben Nietzsche auch Platon und Kant als Zeugen auf – waren „alle großen Phi­lo­sophen aller Zeiten anti­de­mo­kra­tisch“, dies folge „ana­ly­tisch aus dem Begriff der Größe“, denn es sei der große Phi­losoph „immer ein Genie“. Die enge Ver­knüpfung von Phi­lo­sophie und Per­sön­lichkeit, Per­sön­lichkeit und Sozia­lität ist indes nicht neu, Bauch knüpft damit an Über­le­gungen an, die er bereits in seiner Dis­ser­tation bei Heinrich Rickert, „Glück­se­ligkeit und Per­sön­lichkeit in der kri­ti­schen Ethik“ (1901), begonnen hatte zu ent­wi­ckeln. Leitend war auch hier das zwei­fache Anliegen, den Begriff der Per­sön­lichkeit phi­lo­so­phisch auf­zu­werten und zwar so, dass zugleich dessen über­in­di­vi­duelle, soziale Bedeutung kenntlich werde. Leitend ist aber daneben das Bestreben, die Per­sön­lichkeit von der Ein­ma­ligkeit jedes Indi­vi­duums abzu­heben, denn bloße Indi­vi­dua­lität stellt aus der Per­spektive Bauchs ebenso wenig wie bloße Ver­schie­denheit einen trag­fä­higen Wert­grund dar, im Gegenteil: Ohne eine wert­ori­en­tierte Hier­ar­chi­sierung drohe, so führt er mit Nietzsche aus, „Gleich­ma­cherei“, „Her­den­tier­moral“ und ins­gesamt eine all­ge­meine „Ver­mit­tel­mä­ßigung“. Nietzsche richtig zu ver­stehen bedeute hin­gegen die Unter­scheidung zwi­schen „Natur“ und „Leben“, zwi­schen Sein und Sollen und das heißt für Bauch auch: zwi­schen Bio­logie und Phi­lo­sophie zu ver­stehen. Denn aus dem bloßen Sein, aus der Natur, lassen sich kei­nerlei Wer­be­stim­mungen ableiten, diese müssten vielmehr wert­phi­lo­so­phisch auf­ge­wiesen werden.

1942 wird Bauch sich auf der Grundlage dieses Argu­men­ta­ti­ons­musters zur Eugenik äußern und gleichsam deren wert­phi­lo­so­phische Grund­legung ver­fassen. Rund 20 Jahre zuvor, in der Villa Sil­ber­blick, for­mu­liert er mit Nietzsche die Wert­lo­sigkeit des „bloßen Lebens“, der er das Prinzip der Leistung gegen­über­stellt. Das ein­zelne Leben zeichne sich dadurch aus, Medium der Wert­dar­stellung und ‑ver­wirk­li­chung zu sein. Und die Wert­ver­wirk­li­chung wird zum Maß der Dif­fe­ren­zierung und Hier­ar­chi­sierung zwi­schen Indi­viduen: die „Füh­rer­rolle für die mensch­liche Gemein­schaft“ sei dem­je­nigen zuzu­er­kennen, der den Werten in seinem Leben die „kraft­vollste Dar­stellung“ zu geben vermag. Die „Abson­derung“ eines „Führers“ habe indes die soziale, kul­tu­relle und nationale Bedeutung, das „Ganze der mensch­lichen Gesell­schaft“ in Richtung einer „Erhöhung des Typus Mensch“ zu ent­wi­ckeln. Es ist leicht zu sehen, dass es von der so ent­wi­ckelten wert­phi­lo­so­phi­schen Rang­ordnung nach „Wert­ver­schie­denheit von Mensch zu Mensch“ nur wenige Schritte sind, diese Ordnung aus­zu­deuten und zu radi­ka­li­sieren, dass nicht mehr jede und jeder Ein­zelne darin zumindest einen, „und sei es auch im beschei­densten Umfange“, wert­be­deu­tenden Platz zuer­kannt wird – und diese Form radi­kalster Exklusion als Ver­wirk­li­chung der Sozia­lität der Werte vor­zu­stellen. In der Villa Sil­ber­blick beschließt Bauch seinen Vortrag mit der Dar­stellung Nietz­sches als Ver­treter und Vor­denker des „Ras­se­ge­dankens“ – und zwar, und darauf ist der Akzent zu setzen, nicht auf bio­lo­gi­scher, sondern phi­lo­so­phi­scher Grundlage. Pro­minent, am Ende seines Bei­trages plat­ziert, führt Bauch aus, nur dem Klang nach habe Nietzsche in einem bio­lo­gi­schen Sinne Ent­wicklung als Erb­schaft ver­standen: dessen Rede vom „Hin­auf­pflanzen“, das er von der „Fort­pflanzung“ absetzt, zeige an, dass die Welt der Werte nicht mit jener der Wirk­lichkeit zusam­men­falle, sondern vielmehr kraft des Tuns aus letz­terer erst zu ent­wi­ckeln sei. Bauchs Beitrag hätte auch heißen können: ‚Nietzsche als Phi­losoph des ras­si­schen Gedankens.’

Literatur

Bruno Bauch, Nietzsche und das aris­to­kra­tische Ideal, in: Max Oehler, Den Manen Friedrich Nietz­sches. Wei­marer Weih­ge­schenke zum 75. Geburtstag der Frau Eli­sabeth Förster-Nietzsche, München 1921.

Bildnachweis

Deck­blatt, Hin­ter­grundbild Anhang und Bild 1

  • Titel: Bruno Bauch, vor 1920
  • Autor: unbe­kannt
  • Quelle: http://phaidon.philo.at/asp/bbauch.htm
  • bear­beitet von SB

Bild 2

  • Titel: Eli­sabeth Forster-Nietzsche, 1910
  • Autor: Louis Held
  • Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Elisabeth_F%C3%B6rster-Nietzsche,_1910.tif

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