Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Bruno Bauch 1924–28: Der Geist von Weimar und Potsdam

Im Rahmen der Reichs­grün­dungs­feiern vom 18. Januar hält auch Bruno Bauch 1926 seine Rede „Der Geist von Potsdam und der Geist von Weimar“. Potsdam und Weimar galten seit dem Kai­ser­reich als Symbol der staat­lichen und kul­tu­rellen Einheit Deutsch­lands, das ver­schiedene poli­tische Kräfte zu besetzen suchten.

Bauch wendet sich, wie schon Eucken 1914, in seiner Rede gegen Ver­suche, die mili­ta­ris­tische Tra­dition Preußens und die künst­le­risch-wis­sen­schaft­liche Tra­dition der Wei­marer Klassik gegen­ein­ander auszuspielen.

Er will zeigen, dass diese Trennung auf einem Miß­ver­ständnis beruht. In Wahrheit bilden beide eine Einheit. Diese Einheit des Geistes von Weimar und Potsdam ver­sucht Bauch über den Begriff der „Tat“ auf­zu­weisen. Die „Tat“ ver­steht er unter Berufung auf Fichte und Kant als bestän­diges Streben nach sitt­licher Voll­kom­menheit. Sie folgt der eigenen inneren Ver­pflichtung und ist zugleich in der Welt wirksam.

Dieses Ver­ständnis der Tat findet sich, so Bauch, in der mili­tä­ri­schen Tra­dition Preußens. So hatte sich auch der „Phi­losoph auf dem Thron“, Friedrich der Große, als erster Diener des Staates ver­standen. Aus diesem Pflicht­be­wusstsein seien seine Ver­wal­tungs­re­formen, sein Einsatz für die Ent­wicklung des Schul­wesens und die Unter­stützung für Handel und Gewerbe zu ver­stehen. Auch der Ausbau des Heeres gehöre hierher. Schließlich sei ohne Macht auch kein Recht. Ebenso sind die Hand­lungen seiner Nach­folger „an jenen höchsten ethi­schen Idealen ori­en­tiert, die wir seit Kant und seinen großen Nach­folgern im deut­schen Idea­lismus auch in der deut­schen Phi­lo­sophie Gestalt gewinnen sehen.“

Umge­kehrt sei auch die Dichtung der Wei­marer Klassik aus diesem im deut­schen Idea­lismus ent­wi­ckelten Pflicht­ver­ständnis zu ver­stehen. In Fausts Wort „Am Anfang war die Tat“ drückt sich „die ganze Fülle und Tiefe des Geistes der deut­schen Phi­lo­sophie von Leibniz und Kant bis Fichte und Hegel“ aus. Auch Schillers Aus­spruch „Des echten Mannes wahre Feier ist die Tat.“ sei in diesem Sinne zu ver­stehen. Sowohl Goethes „Faust“ als auch Schillers „Über die ästhe­tische Erziehung des Men­schen“ schildern über­ein­stimmend die Ent­wick­lungs­schritte der sitt­lichen Läu­terung: vom sinn­lichen Trieb­leben über die künst­le­rische Kon­tem­plation hin zum sozialen Wirken in der staat­lichen Gemeinschaft.

Hier beginnt Bauch nun, die poli­ti­schen Kon­se­quenzen seines Tat­ver­ständ­nisses zu ent­wi­ckeln. „Das Gesetz fordert nicht den all­ge­meinen Mas­senwahn ato­mis­ti­scher Gleichheit, der gerade das Ungesetz ist, sondern im Gegenteil indi­vi­duelle Dif­fe­ren­zierung und orga­nische Glie­derung.“ Unter „orga­ni­scher Glie­derung“ werden dabei klare Hier­ar­chien ver­standen. Sie ver­wirk­licht sich durch die Unter­ordnung unter eine Recht und Gesetz schüt­zende fürst­liche Regie­rungs­gewalt, unter der jeder „froh, ja stolz gehorchen“ kann. Die Gemein­schaft, die sich durch die Unter­ordnung aller unter die jeweils vor­ge­schriebene Pflicht bildet, wird zudem als staatlich begrenzte ver­standen. Ohne die Ver­wirk­li­chung in ein­zelnen Nationen bleibt „die Menschheit eine indif­fe­rente Abs­traktion“. Seinen „nach Rang­ordnung von Wert und Leistung geglie­derten Sinn“ kann das kon­krete geschicht­liche Leben der Menschheit nur in der Nation gewinnen.

So kann er seine Rede mit dem Bekenntnis beschließen, dass ein so ver­stan­denes Deutschtum auch eine neue Liebe zu Deutschland zur Folge haben wird. „Dann wird diese Liebe auch ein großes Wollen erzeugen, das zum Ziele hat, alles, was deutsch ist und das aus unserem Herzen reißen wird allen Skla­vensinn des Ver­zichtes auf gehei­ligtes Deut­sches Gut und Recht, damit der Deutsche nie ver­gesse, was des Deut­schen ist, sondern es mit der Liebe des Ver­stehens umfange als den Gegen­stand seiner hei­ligen Sehnsucht.“

Diese Aneignung des „Geistes von Weimar“ bleibt höchst selektiv. Schillers „arm ist es, nur einer Nation zu dienen“ wird ebenso unter­schlagen, wie Goethes Abneigung gegen den Natio­na­lismus der Befrei­ungs­kriege, Kants Hoffnung auf einen ewigen Frieden und die Revo­lu­ti­ons­be­geis­terung des deut­schen Idea­lismus. So ver­steht es Bauch, beide Tra­di­tionen sowohl gegen die bestehende Republik und sozia­lis­tische Umge­stal­tungs­ver­suche als auch gegen die Bestim­mungen des Ver­sailler Ver­trages zu wenden.

Literatur

Bruno Bauch, Der Geist von Potsdam und der Geist von Weimar, Jena 1926.


Bildnachweis

Deck­blatt und Bild 1

  • Titel: Bruno Bauch, vor 1920
  • Autor: unbe­kannt
  • Quelle: http://phaidon.philo.at/asp/bbauch.htm
  • bear­beitet von SB

Bild 2

  • Titel: Fichtes „Rede an die deutsche Nation“
  • Aus­schnitt eines Wand­ge­mäldes 1913/14, von Arthur Kampf

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