Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Die Uni Jena 1918–19: Der Strukturwandel an der Universität

Zugleich sind die Nach­kriegs­jahre eine Phase struk­tu­reller Umbrüche an den Uni­ver­si­täten. Unmit­telbar nach Kriegs­beginn und vor allem wieder in der zweiten Hälfte der 20er Jahre kommt es zu einem enormen Anstieg der Stu­die­ren­den­zahlen. Über 40 Prozent von ihnen sind soge­nannte Werks­stu­denten, die sich ihr Studium durch einen Neben­erwerb finan­zieren müssen. Die Uni­ver­sität sieht ange­sichts ihrer eigenen klammen Finanz­si­tuation kaum Mög­lich­keiten, diese Stu­die­renden zu unter­stützen. Dazu kommt in Jena eine wach­sende Woh­nungs­knappheit. Auch die Lage vieler Pri­vat­do­zenten ist prekär. Sie sind auf wech­selnde Vor­le­sungs­gelder oder geringe Sti­pendien angewiesen.

Auch neue Gruppen besuchen die Uni­ver­sität: Schon während des Krieges hatte sich der Anteil der Frauen an der Stu­die­ren­den­schaft deutlich erhöht: im WS 1917/18 erreicht er mit 42 Prozent seinen Höhe­punkt. Bis zum Win­ter­se­mester 1923/24 steigt auch der Anteil aus­län­di­scher Stu­die­render auf 22,2 Prozent.

Par­allel dazu kommt es zu einer Dif­fe­ren­zierung der Fächer­land­schaft. 1923 wird die Rechts- und Wirt­schafts­wis­sen­schaft­liche Fakultät gegründet, 1924 die Natur­wis­sen­schaft­liche Fakultät.

Die wach­sende Zahl von Fakul­täten und Insti­tuten steht dabei in Kon­kurrenz um die knappen Lan­des­mittel. Ins­be­sondere während der Inflation und der zweiten Hafte der 20er Jahre bleiben die Lan­des­zu­schüsse hinter dem wach­senden Finanz­bedarf der Uni­ver­sität zurück. Par­allel dazu kommt es zu einem Ausbau des Dritt­mit­tel­wesens. 1920 wird die „Not­ge­mein­schaft deut­scher Wis­sen­schaft“, die spätere Deutsche For­schungs­ge­mein­schaft, gebildet. 1921 gründet sich die „Gesell­schaft der Freunde der Lan­des­uni­ver­sität Jena“. Die „Zeiss-Stiftung“ gehört hier zu den wich­tigsten Geld­gebern. Unter anderem fördert sie eine Pro­fessur für Wirtschaftsrecht.

Die alten Bil­dungs­eliten deuten diese Ent­wick­lungen häufig als Krise der Uni­ver­sität und der Wis­sen­schaft. So sieht Eucken in seinen „Lebens­er­in­ne­rungen“ vor allem zwei Gefahren: zum einen den Verlust der Einheit der Wis­sen­schaft durch die Auf­spaltung in ver­schiedene Fächer und zum anderen ein pro­ble­ma­ti­sches Gleich­heits­ver­sprechen, das den natür­lichen Rang­un­ter­schieden nicht gerecht wird und das Bil­dungs­niveau gefährdet. So wehren sich später ins­be­sondere die Ver­treter der Phi­lo­sophie gegen die Eta­blierung einer von der phi­lo­so­phi­schen Fakultät unab­hän­gigen päd­ago­gi­schen Abteilung und die Aus­bildung von Volks­schul­lehrern an den Universitäten.

Bei rechts­ori­en­tierten und völ­ki­schen Dozenten und Stu­die­renden bestärkt ein solches Kri­sen­ver­ständnis Abgren­zungs­kämpfe, die durchaus mit rabiaten Mitteln aus­ge­fochten werden: So ruft der Asta während der Ruhr­be­setzung durch die fran­zö­sische Armee 1923 dazu auf, fran­zö­sische und bel­gische Stu­die­rende von Lehr­ver­an­stal­tungen aus­zu­schließen. Dozenten sollen mit ihren Vor­le­sungen nicht beginnen, bis diese den Raum ver­lassen haben. Zudem setzt er sich dafür ein, die Mit­glied­schaft in der „Deut­schen Stu­den­ten­schaft“ von völ­ki­schen Kri­terien abhängig zu machen. Die medi­zi­nische Fakultät beschließt 1924, die ersten vier Bank­reihen „ari­schen“ Stu­die­renden vor­zu­be­halten und wie­derholt kommt es zu Angriffen auf aus­län­dische Besucher*innen durch Korporationsstudenten.

Literatur

Rudolf Eucken, Lebens­er­in­ne­rungen. Ein Stück deut­schen Lebens, Leipzig 1922.

Fließ, Die poli­tische Ent­wicklung der Jenaer Stu­den­ten­schaft vom November 1918 bis zum Januar 1933.

Walter Grüner, die Uni­ver­sität Jena während des Welt­krieges und der Revo­lution bis zum Sommer 1920. Ein Beitrag zur all­ge­meinen Geschichte der Uni­ver­sität, Jena 1934.

Die Deutsche Stu­den­ten­schaft (Hrsg.), Die deutsche Stu­den­ten­schaft in ihrem Werden, Wollen und Wirken, Tetschen 1928.

Bildnachweis

Hin­ter­grundbild Anhang

  • Bild: Uni­ver­si­täts­haupt­ge­bäude
  • Quelle: https://www4.uni-jena.de/Kontakt_Anreise.html
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Bild:

  • Titel: Jena Burg­keller um 1900
  • Autor: unbe­kannt
  • Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jena_Burgkeller_1900.jpg
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