Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Die Uni Jena 1920–23: Streit in der Studierendenschaft

Der „Thü­ringer Hoch­schul­kon­flikt“ ist nicht die einzige Aus­ein­an­der­setzung zwi­schen Lan­des­re­gierung und Uni­ver­sität. Zu Kon­flikten kommt es auch zwi­schen Volks­bil­dungs­mi­nister Max Greil und der Studierendenschaft.

Die Aner­kennung der Stu­den­ten­schaften ist in der Wei­marer Republik Län­der­sache. In Thü­ringen erfolgt sie durch einen Ver­wal­tungsakt. Die Regelung der Mit­glied­schaft wurde in den Sat­zungen der Stu­den­ten­schaft festgelegt.

Umstritten ist dabei, ob und zu welchen Bedin­gungen aus­län­dische Stu­die­rende Mit­glieder der Stu­den­ten­schaft werden können. Davon ist auch ihre Inter­es­sen­ver­tretung in den Gremien der stu­den­ti­schen Selbst­ver­waltung und der Hoch­schul­ver­waltung abhängig.

Die Deutsche Stu­den­ten­schaft legt sich 1919 auf ein groß­deut­sches Mit­glied­schafts­kri­terium fest. Demnach sind die deutsche Abstammung und Mut­ter­sprache ent­scheidend. Nur „deutsch­stämmige“ Aus­länder werden als Mit­glieder akzeptiert.

Im wei­teren Verlauf kommt es innerhalb der Stu­den­ten­schaft zu einem Streit darum, wie das Kri­terium der „Abstammung“ aus­zu­legen sei. Ins­be­sondere Ver­treter der süd­deut­schen und aus­lands­deut­schen Stu­den­ten­schaften plä­dieren dafür, nur „ras­sisch-arische“ Stu­denten als Mit­glieder auf­zu­nehmen. Auch die „Deutsche Bur­schen­schaft“, die seit dem Eisen­acher Bur­schentag 1920 selbst nur „deutsche Stu­denten ari­scher Abstammung“ auf­nimmt, ver­tritt diese For­derung. Die Deutsche Stu­den­ten­schaft ist gespalten und kann auch in den kom­menden Jahren den Kon­flikt nicht bei­legen. Die als Kom­promiss gemeinte „Göt­tinger Not­ver­fassung“ vom 15. Januar 1922, hält fest, dass aus­lands­deutsche Stu­denten „ohne Unter­schied der Rasse und des Bekennt­nisses“ auf Antrag in die Deutsche Stu­den­ten­schaft auf­zu­nehmen sind. Der Jenaer Asta, der von den Ver­tretern der Kor­po­ra­tionen und der rechts­ori­en­tierten „Natio­nal­po­li­tisch-aka­de­mi­schen Ver­ei­nigung“ domi­niert wird, lehnt die Göt­tinger Ver­fassung mit einer Mehrheit von zehn zu vier Stimmen ab.

Nach dem Mord an Walter Rathenau greift Volks­bil­dungs­mi­nister Greil in diese Aus­ein­an­der­set­zungen ein. Aus­lands­deutsche Stu­die­rende sind demnach nach dem „national-kul­tu­rellen Prinzip“ anzu­er­kennen. Er begründet diesen Schritt wie folgt: „Ins­be­sondere können wir, kann kein Staat über­haupt eine Unter­scheidung zwi­schen Ariern und Nich­tariern aner­kennen oder dulden. Wohin diese völ­ki­schen Bestre­bungen führen, zeigen die letzten poli­ti­schen Ereig­nisse; diese ver­langen daher von der Staats­gewalt, solche Bestre­bungen, sowie sie dem Volks­ganzen schädlich sind, mit allen Mitteln zu unter­drücken, in erster Linie aber die staat­lichen Unter­richts­an­stalten von ihnen rein zu halten.“

Der grund­sätz­liche Kon­flikt war damit nicht bei­gelegt. Er sollte sich fünf Jahre später im benach­barten Preußen wie­der­holen. 1927 erlässt der preu­ßische Kul­tus­mi­nister Becker eine Regelung, die den Kreis der Mit­glieder der Stu­den­ten­schaft erheblich erweitern soll: Ent­scheidend ist nun nicht mehr die Abstammung, sondern die Zuge­hö­rigkeit zur deut­schen Kul­tur­ge­mein­schaft durch Sprache, Bildung und Bekenntnis.

Gegen diesen Vor­schlag pro­tes­tiert die Deutsche Stu­den­ten­schaft repu­blikweit. Auf ihrer Jah­res­tagung vom 15.–19. Juli in Würzburg spricht sie sich gegen den Beschluss der preu­ßi­schen Regierung aus. „Der Stu­den­tentag steht auf dem Stand­punkt, daß der in der Würz­burger Satzung fest­ge­legte groß­deutsche Aufbau der Deut­schen Stu­den­ten­schaft die Grundlage der stu­den­ti­schen Gemein­schaft bildet.“

Die preu­ßi­schen Kom­mi­li­tonen werden zum Kampf gegen die Regie­rungs­ver­ordnung auf­ge­rufen. In die Phase der Mobi­li­sierung gegen das neue Stu­den­ten­recht fällt auch die vom Amt für poli­tische Bildung der Deut­schen Stu­den­ten­schaft ange­regte Schu­lungs­woche zum Thema „Der Staat“ in Weimar. Den Abschluss dieser Schu­lungs­woche bildet ein Vortrag von Max Wundt zum Thema „Der deutsche Volksstaat“.

Kul­tus­mi­nister Becker gibt nach. Die Ent­scheidung über das neue Stu­den­ten­recht wird in die Hand der Stu­die­renden gelegt. Am 30. November lehnen 26 von 27 preu­ßi­schen 27 Stu­den­ten­schaften mit großer Mehrheit die Minis­te­ri­al­ver­ordnung Beckers ab.

Literatur

Die Deutsche Stu­den­ten­schaft (Hrsg.), Die deutsche Stu­den­ten­schaft in ihrem Werden, Wollen und Wirken, Tetschen 1928.

Holger Zinn, Die stu­den­tische Selbst­ver­waltung in Deutschland bis 1945, in: Mat­thias Steinbach und Stefan Gerber (Hrsg.), Zwi­schen Wis­sen­schaft und Politik. Studien zur Jenaer Uni­ver­sität im 20. Jahr­hundert, Jena/Quedlinburg 2005, S. 401–437.

Bildnachweis

Hin­ter­grundbild Anhang:

  • Bild: Uni­ver­si­täts­haupt­ge­bäude
  • Quelle: https://www4.uni-jena.de/Kontakt_Anreise.html
  • ver­ändert von SB

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