Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Die Uni Jena 1924–28: Reichsgründungsfeiern und die Gedenkpolitik der Universität

Die Mehrzahl der Pro­fes­soren bleibt auch in dieser Phase der Republik gegenüber distan­ziert. Die Wei­marer Ver­fassung ver­stehen sie als ein ihnen auf­ge­zwun­genes System. Das zeigt sich ins­be­sondere auch in den Gedenk­ver­an­stal­tungen und öffent­lichen Selbst­dar­stel­lungen der Universität.

So begeht die Uni­ver­sität jährlich am 18. Januar den Jah­restag der Reichs­gründung 1871. Eröffnet wird diese Tra­dition auch auf Betreiben Bruno Bauchs mit der Übergabe der Fichte-Büste von Arthur Kampf an die Uni­ver­sität im Jahr 1920. 1921, zum 50. Jah­restag der Reichs­gründung, spricht der His­to­riker Car­tel­lieri. In seiner Rede fragt er: „Aber leben wir nicht wie unter rau­chenden Trümmern, eng zusam­men­ge­drängt, umlauert von arg­wöh­ni­schen Feinden? Dürfen wir in unserer unwür­digen, uner­träg­lichen Lage eine Feier begehen, die uns die ent­schwundene Herr­lichkeit von Kaiser und Reich lebendig vor Augen stellt?“ Jedoch: „In Nord und Süd, Ost und West, gibt es deutsche Brüder genug, die von uns erlöst sein wollen und nichts sehn­licher wün­schen, als in das Reich zurück­zu­kehren.“ Den Abschluss bildet ein Fackel­marsch der Kor­po­ra­tionen, der vom Bis­marckturm über den Forstweg in die Stadt führt. 1924 klingt die Grün­dungs­feier mit einer Parade der Reichs­wehr­truppen aus.

Am 21. Juni 1925 wird im Innenhof des Uni­ver­si­täts­haupt­ge­bäudes eine Gedenk­tafel für die Gefal­lenen des Welt­krieges ent­hüllt. Die Gedenkrede hält der His­to­riker Stephan Stoy, der nur fünf Jahre zuvor den Kapp-Putsch aktiv unter­stützt hatte. Er erklärt, der Welt­krieg sei ein Deutschland auf­ge­zwun­gener Ver­tei­di­gungs­krieg gewesen. Für ein Wide­r­erstarken Deutsch­lands sei eine erneute Erhebung notwendig.

Umge­kehrt werden die Gedenktage der Republik wei­test­gehend igno­riert. Nachdem der 9. November, der Tag der Aus­rufung der Republik, 1921 in Thü­ringen zum Fei­ertag erklärt wird, begnügt sich die Uni­ver­si­täts­leitung mit fol­gendem Aushang: „Wir geben hier­durch bekannt, daß auf Anordnung der Regierung am Mittwoch, dem 9. November d.J., Vor­le­sungen und Übungen nicht statt­finden.“ Fei­er­lich­keiten wurden keine durch­ge­führt. Uni­ver­si­täts­ku­rator Vollert lässt das Volks­bil­dungs­mi­nis­terium wissen, dass „mangels Fahnen in den neuen Reichs­farben“ das Uni­ver­si­täts­haupt­ge­bäude auch nicht beflaggt werden könne.

Der Fall Bernhard

Als 1926 Putsch­pläne vater­län­di­scher Ver­bände auf­ge­deckt werden, kommt es auch zu einer Haus­durch­su­chung bei dem der Betei­ligung ver­däch­tigten Ber­liner Pro­fessor Ludwig Bernhard. Dar­aufhin ver­fassen 31 Jenaer Pro­fes­soren eine öffent­liche Stel­lung­nahme. „Nach­drücklich müssen wir es aus­sprechen, daß uns Empörung darüber erfüllt, daß in einem Lande, in dem die mein­ei­digen Hoch­ver­räter von 1918 unan­ge­fochten geblieben sind, ein unbe­schol­tener, auf­rechter und vater­lands­lie­bender Mann, ein hoch­ver­dienter deut­scher Gelehrter (…) ver­dächtigt, bespitzelt, schließlich in seinen vier Wänden belästigt wird. Solche Zustände richten sich selbst: wir sind über­zeugt, daß unser Volk noch gesund genug ist, um sie nicht auf Dauer zu dulden.“ Für die Phi­lo­sophie unter­zeichnen Bruno Bauch, Rudolf Eucken und Max Wundt.

Die Erklärung sorgt in der ganzen Republik für Auf­sehen. Als Volks­bil­dungs­mi­nister Leu­theußer im Landtag zu einem Vor­gehen gegen die Uni­ver­sität und die betei­ligten Pro­fes­soren auf­ge­fordert wird, erklärt er, er betrachte die Stel­lung­nahme als Pri­vat­an­ge­le­genheit. Nur wenige Wochen später wird ihm die Ehren­dok­tor­würde der Mathe­ma­tisch-Natur­wis­sen­schaft­lichen Fakultät verliehen.

Literatur

Bruno Bauch, Fichte und unsere Zeit, Erfurt 1921.

Bruno Bauch, Von der Sendung des deut­schen Geistes, in: Deutsch­lands Erneuerung. Monats­schrift für das deutsche Volk, 1922, Jg. 6, H 4, S. 193–211.

Tom Bräuer und Christian Faludi, Die Uni­ver­sität Jena in der Wei­marer Republik 1918–1933. Eine Quel­len­edition, Stuttgart 2013.

Bildnachweis

Bild

  • Titel: Arthur Kampf: Johann Gottlieb Fichte, 1919
  • Autor: Babett Forster
  • Quelle: Kus­todie, FSU Jena, https://www4.uni-jena.de/Mai+2013.html

Hin­ter­grundbild Anhang

  • Bild: Uni­ver­si­täts­haupt­ge­bäude
  • Quelle: https://www4.uni-jena.de/Kontakt_Anreise.html
  • bear­beitet von SB

© 2021 Hegemoniekonflikt und Universität

Theme by Anders Norén