Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Die Uni Jena 1929–33: Die Berufung Hans F.K. Günthers

Der Vor­schlag für die Berufung des Gym­na­si­al­lehrers und Schrift­stellers Hans F.K. Günther soll aus Umfeld Schulze-Naum­burgs und des Mün­chener Ver­legers Julius Friedrich Lehmann gekommen sein. In dessen Lehmann-Verlag war nicht nur Gün­thers „Ras­sen­kunde des deut­schen Volkes“ erschienen. Auch Max Wundt hatte hier publiziert.

Im März 1930 teilt Frick der Uni­ver­sität mit, dass er plant, Hans F.K. Günther auf einen neu zu schaf­fenden Lehr­stuhl für „Ras­sen­kunde und Eugenik“ zu berufen. Eine dar­aufhin aus Ver­tretern unter­schied­licher Fakul­täten gebildete Kom­mission kommt zu dem Schluss, der nicht habi­li­tierte Günther sei für eine Uni­ver­si­täts­pro­fessur unge­eignet. Als Frick auf seinem Vor­haben beharrt, stellen sich auch Rektor und Senat gegen die Kom­mis­si­ons­ent­scheidung. Frick würde die uni­ver­si­tären Rechte bei der Besetzung von Lehr­stellen verletzen.

Aller­dings unter­stützt der Asta unter dem Vor­sit­zenden und NSDStB-Mit­glied Walther Schöttler die Ent­scheidung Fricks. Auch Prof. Ludwig Plate, der Nach­folger Haeckels in Jena, setzt sich für dessen Berufung ein. Er unter­stützt aus­drücklich die Eta­blierung der „Ras­sen­kunde“ an der Uni­ver­sität Jena. In dem von ihm vor­ge­legten Son­der­gut­achten schreibt er: „Er [H.G.] hat das grosse Ver­dienst, Tau­senden den Blick für Ras­sen­un­ter­schiede geöffnet und ihnen zur Erkenntnis gebracht zu haben, dass wir Deutsche stolz sein sollen auf unser Erbgut und es vor Über­fremdung und Ver­mi­schung mit min­der­wer­ti­geren Anlagen behüten müssen.“ Als Frick ver­spricht, sich künftig an die Sta­tuten zu halten, zeigt sich die Uni­ver­sität zufrieden.

Schließlich kann sich Frick durch­setzen. Günther wird als Pro­fessor für Sozi­al­an­thro­po­logie an die Mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­liche Fakultät berufen. Am 15. November 1930 hält er seine Antritts­vor­lesung über „Die Ursachen des Ras­sen­wandels der Bevöl­kerung Deutsch­lands seit der Völ­ker­wan­de­rungszeit“ in der Aula der Uni­ver­sität Jena. Für die Antritts­vor­lesung waren Hitler, Göring, Darré und auch Frick nach Jena gereist. Der Tag endet mit einem Fackel­marsch natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Jenaer Stu­die­render und SA-For­ma­tionen vor dem Haus Gün­thers. Hans Severus Ziegler spricht auf der Abschlusskundgebung.

Der Günther-Ver­leger Lehmann hat später die These ver­treten, dass mit der Berufung Gün­thers die „Ras­sen­kunde“ uni­ver­si­täts­fähig geworden sei. Auch der spätere Rektor Karl Astel schreibt 1941, damals hätte die Ent­wicklung der Friedrich-Schiller-Uni­ver­sität zur „ersten rassen- und lebens­ge­setzlich aus­ge­rich­teten Hoch­schule Groß­deutsch­lands begonnen.“

An der Uni­ver­sität hält sich der inhalt­liche Wider­stand gegen die Posi­tionen Gün­thers in Grenzen. Wilhelm Peters und Julius Schaxel halten Vor­träge, in denen sie sich kri­tisch mit der „Ras­sen­lehre“ aus­ein­an­der­setzen. Einer Pro­test­aktion der Liga für Men­schen­rechte schließt sich in Jena nur Anna Siemsen an. Siemsen war noch unter der Regierung Greil und Fröhlich als Hono­rar­pro­fes­sorin an die Lan­des­uni­ver­sität berufen worden.

„Die Liga weist darauf hin, daß die ernste anthro­po­lo­gische Wis­sen­schaft die Schriften  von Dr. Hans Günther als ein Sam­mel­surium ten­den­ziöser Klit­terung betrachtet, daß die Berufung eines solchen Schrift­stellers an eine der ange­se­hensten deut­schen Uni­ver­si­täten offen­sichtlich par­tei­po­li­tische Zwecke ver­folgt, und daß die Tätigkeit eines solchen Uni­ver­si­täts­lehrers bei der Aus­bildung der Jugend offen­sichtlich im empö­renden Wider­spruch zu dem Artikel 148 der Reichs­ver­fassung steht.“

Pro­test­erklärung der Liga für Men­schen­rechte anlässlich der Berufung Günthers

Nachdem die NSDAP bei den Land­tags­wahlen im Juli 1932 42,5 Prozent der Stimmen gewinnen kann und der NSDAP-Poli­tiker Fritz Wächtler das Amt des Volks­bil­dungs­mi­nisters im Kabinett Sauckel erhält, wird Anna Siemsen der Hoch­schule ver­wiesen. Weder der damalige Rektor Esau, noch der Senat, noch die Fakultät pro­tes­tieren gegen diese Entscheidung.

Literatur

Alex­andra Esche, Hitlers „völ­kische Vor­kämpfer“: Die Ent­wicklung natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Kultur- und Ras­sen­po­litik in der Baum-Frick-Regierung 1930–1931, Frankfurt am Main 2017.

Steffen Kau­delka, Die Berufung Hans F.K. Gün­thers im Jahr 1930 – der Beginn der „Macht­er­greifung“ an der Uni­ver­sität Jena? In: Mat­thias Steinbach und Stefan Gerber (Hrsg.), Klas­sische Uni­ver­sität“ und „aka­de­mische Provinz“. Studien zur Uni­ver­sität Jena von der Mitte des 19. Jahr­hun­derts bis in die drei­ßiger Jahre des 20. Jahr­hun­derts, Qued­linburg 2005.

Bildnachweis

Bild:

  • Titel: Prof. Hans Günther, Auf­nahme von 1935
  • Autor: unbe­kannt
  • Quelle: Bun­des­archiv, Bild 183‑1989-0912–500 / CC-BY-SA

Hin­ter­grundbild Anhang

  • Bild: Uni­ver­si­täts­haupt­ge­bäude
  • Quelle: https://www4.uni-jena.de/Kontakt_Anreise.html
  • bear­beitet von SB

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