Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Landesgeschichte 1914–18: Die Ideen von 1914 und die Rolle der Philosophie

Bis heute beherrscht das Bild einer alle Schichten der Bevöl­kerung umgrei­fenden Kriegs­be­geis­terung in den August­tagen 1914 die kol­lektive Erin­nerung. Dieses Bild vermag zwar der Vielfalt der jewei­ligen Stim­mungs­lagen und den Unter­schieden zwi­schen ver­schie­denen Gruppen der Bevöl­kerung nicht gerecht zu werden. Es wurde aber sei­nerzeit durch eine Vielzahl von Vor­trägen, Publi­ka­tionen, Artikeln, Thea­ter­stücken und Poemen erzeugt und gestützt. Sie schildern eine alle Stan­des­grenzen über­win­dende Einheit und den Zusam­menhalt aller Deut­schen in der Ver­folgung eines gemein­samen Ziels.

Auch bedeu­tende zeit­ge­nös­sische Intel­lek­tuelle, ins­be­sondere auch Phi­lo­sophen, betei­ligen sich an diesem Diskurs. Sie sehen sich selbst als „geistige Führer“ der Nation. Für sie ist es eine Gele­genheit, die von ihnen beklagte Trennung zwi­schen dem „Geist“ und dem öffent­lichen Leben zu über­winden. Indem sie die Frage nach dem Sinn des Krieges beant­worten, können sie auch die gesell­schaft­liche Bedeutung ihrer Wis­sen­schaft unter Beweis stellen.

Während der Zeit der Wei­marer Republik ver­suchen ver­schiedene Par­teien den „Geist von 1914“ für sich zu ver­ein­nahmen. Für demo­kra­tische Kräfte steht er für eine nationale Einheit, die durch die Rechts­gleichheit der Republik ver­wirk­licht wird. Kon­ser­vative sehen darin die gemeinsame Sammlung der Nation hinter der Mon­archie und Kaiser Wilhelm II. Für Autoren der Rechten stehen die „Ideen von 1914“ für einen natio­nalen Auf­bruch gegen die Fran­zö­sische Revo­lution und die mit ihr ver­bundene Vor­stellung eines gesell­schaft­lichen Fort­schritts. Sie sehen darin den Beginn des Unter­gangs von Libe­ra­lismus und Indi­vi­dua­lismus und den Auf­schein eines neuen Zeit­alters, in dem sich der Mensch wieder als Teil eines grö­ßeren Ganzen zu ver­stehen lernt.

Auch die NSDAP wird sich später auf den „Geist von 1914“ beziehen. So schreibt der „Völ­kische Beob­achter“ am 1. Februar 1933 zu den Fackel­mär­schen der SA und den begeis­terten Massen vor der Reichs­kanzlei anlässlich Hitlers Ernennung zum Reichs­kanzler: „Die Erin­nerung schweift in die erhe­benden Augusttage von 1914 zurück. Damals wie heute die lodernden Zeichen der Volks­er­hebung. Damals, wie heute: der Bann gebrochen, das Volk steht auf.“

Literatur

Kurt Flasch, Die geistige Mobil­ma­chung. Die deut­schen Intel­lek­tu­ellen und der Erste Welt­krieg. Ein Versuch, Berlin 2000.

Hermann Lübbe, Poli­tische Phi­lo­sophie in Deutschland. Studien zu ihrer Geschichte, Basel 1963.

Jeffrey Verhey, Der „Geist von 1914“ und die Erfindung der Volks­ge­mein­schaft, Hamburg 2000.

Bildnachweis

Hin­ter­grundbild Anhang

  • Titel: ehe­ma­liger Thü­ringer Landtag, heute: Hoch­schule für Musik Franz-Liszt Weimar
  • bear­beitet von SB

Deck­blatt, Hin­ter­grundbild und Bild 1

  • Titel: Kaiser Wilhelm II. in Armee­uniform um 1915
  • Autor: Gum­merus
  • bear­beitet von SB

Bild 2

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