Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Max Wundt 1918–19: Feindschaft gegen Revolution und Parlamentarismus

Die Schemata, die Wundt für die Deutung des Welt­krieges ent­wi­ckelt hatte, sind auch leitend für sein Ver­ständnis der Novem­ber­re­vo­lution: Während im Krieg die deutsche Armee von Sieg zu Sieg geführt worden wäre, hätten im Lan­des­in­neren Par­tei­lichkeit, Müßiggang und Gewinn­sucht um sich gegriffen. Der Pflicht­ge­danke wäre ero­diert und schließlich wäre eine Meu­terei dem sieg­reichen Heer in den Rücken gefallen. Mon­archie und Beam­tentum hätten als Quelle der deut­schen Tugend gestürzt werden sollen. Auch während der Revo­lution stünden der Zusam­menhalt und die Gemein­schaft des „wahren Deutsch­lands“ gegen die Auf­lösung in eine ato­mi­sierte Gesell­schaft. Es stünde für Treue und Opfer­be­reit­schaft gegen Ego­ismus; für echte Kultur gegen bloße Zivilisation.

So kann Wundt Revo­lution und Republik als Fort­setzung des Krieges im inneren beschreiben. Diese Variante der Dolch­stoß­le­gende hat nicht nur die Funktion, den Mythos des „unbe­siegten Heeres“ auf­recht zu erhalten. Sie über­trägt auch die ideo­lo­gische Deutung der außen­po­li­ti­schen Front­stel­lungen des Welt­krieges auf die innen­po­li­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zungen der Wei­marer Republik. In beiden Fällen steht „deutsche Sitt­lichkeit“ und Treue gegen Selbst­sucht und Par­tei­geist. Wer mit den Frei­korps Revo­lution und Republik bekämpft, setzt das Werk der Front­sol­daten fort.

„Dieser Staat ist undeutsch von der Wurzel bis zum Gipfel.“

Max Wundt 1922

Gegen das Prinzip der Gleichheit plä­diert Wundt daher für eine stän­dische Glie­derung der Gesell­schaft. Offene Debatten gilt es durch welt­an­schau­liche Geschlos­senheit zu über­winden. Er schreibt: „Von dem Wahn­ge­danken der soge­nannten Schrift- und Rede­freiheit, die den Geist unseres Volkes einem wilden Durch­ein­ander wider­spre­chender Ein­flüsse aus­setzt, müssen wir uns aller­dings frei machen.“ Die Über­windung inner­ge­sell­schaft­licher Gegen­sätze erhofft er sich von einer starken Füh­rungs­person an der Spitze des Staates: „Noch ver­hindern Lei­den­schaften und von den Par­teien plan­mäßig gepflegte Ver­blendung unser Volk, seine Besten zu erkennen. Aber wenn uns das Wasser an die Kehle steigt, wird das deutsche Volk ein­sehen, daß es von Redens­arten nicht leben kann und nach dem Retter schreien, zu dessen harter Hand es einzig Ver­trauen hat. Dann wird es möglich sein, aus dem all­ge­meinen Ver­trauen des Volkes ohne Ränke und Schliche den Ersten zu finden, dem wir als dem Besten das Schicksal unseres Staates über­ant­worten können.“

Diese Ansichten ver­sucht Wundt auch über die Uni­ver­sität hinaus zu ver­breiten. So ist er Grün­dungs­mit­glied der Deut­schen Phi­lo­so­phi­schen Gesell­schaft, ab 1925 Vor­sit­zender der „Gesell­schaft deut­scher Staat“ und schreibt für ver­schiedene völ­kische Zeit­schriften. Er gehört so zu den bekann­testen Autoren der völ­ki­schen Rechten während der Wei­marer Republik.

Literatur

Max Wundt, Vom Geist unserer Zeit, München 1922.

Bildnachweis

Bild, Hin­ter­grundbild Anhang und Deckblatt

  • Titel: Max Wundt
  • Autor: Char­lotte Gröger
  • Quelle: Uni­ver­si­täts­archiv Tübingen; https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/ubt_portraits/54511/Wundt+Max
  • bear­beitet von SB

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