Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Max Wundt 1920–23: Philosophie und deutsche Weltanschauung

In den frühen 20er Jahren bemüht sich Wundt um eine phi­lo­so­phische Grund­legung seiner Ansichten. Die eigene Phi­lo­sophie ver­steht er als Wei­ter­führung der anti­re­pu­bli­ka­ni­schen und anti­so­zia­lis­ti­schen Gegen­re­vo­lution. In einer spä­teren Schrift heißt es: „Die völ­kische Bewegung steht zurzeit am Schei­dewege. Als Kampf­be­wegung war sie ent­standen, um Deutschland vor seinen äußeren und inneren Feinden zu retten, in den Wehr­ver­bänden sprach sich am deut­lichsten ihr Wesen aus. […] Die Kampf­be­wegung muss sich zur geis­tigen Bewegung ver­tiefen.“ Diese „Ver­tiefung zur geis­tigen Bewegung“ soll durch eine Rück­be­sinnung auf den deut­schen Idea­lismus erfolgen.

„Denn welche Gedanken sollten uns den Dienst der Erneuerung leisten, wenn nicht die deut­scher Phi­lo­sophie, die Geist von unserem Geiste und Blut von unserem Blute sind?

Max Wundt 1924

Dafür ver­sucht Wundt eine Ent­wick­lungs­linie zu kon­stru­ieren, die von Alfred von Boll­städt, Jacob Böhme und Meister Eck­hardt, Leibniz und den deut­schen Idea­lismus bis zum Neu­he­ge­lia­nismus reicht. All diese Denker hätten Gott als Urgrund der Welt ver­standen.  Gott ist das Unend­liche, das gleichwohl im End­lichen erscheint. Somit ver­steht das „deutsche Denken“ den Geist als Grundlage der Natur, das Sein selbst als beseelt und lebendig. Die Durch­setzung der gött­lichen Ordnung in der Natur ist aber stets unvoll­ständig. Sie bleibt beständige Aufgabe und Kampf. Zu ihm hat der Mensch durch Selbst­über­windung und sitt­lichen Handeln beizutragen.

Wundt behauptet nicht nur einen gemein­samen inhalt­lichen Kern „deut­scher Phi­lo­sophie“. Er unter­stellt auch eine gemeinsame poli­tische Pro­gram­matik: „All diese Denker und Dichter bekannten sich zu dem alten deut­schen Gedanken, daß geistige Werte nicht nur eine Unter­haltung für müßige Stunden dar­stellen, sondern daß eine Erneuerung des gesamten Volks­lebens aus ihnen her­vor­gehen soll. Mit deut­schen Gedanken wollten sie unser staat­liches und gesell­schaft­liches Leben auf­bauen, mit deut­schen Gedanken unsere Gesittung und Bildung erfüllen.“ In den Höhe­punkten der deut­schen Geschichte wird diese Einheit von Geist und Wirk­lichkeit rea­li­siert. „Was bisher nur Gedanke war, sollte in die Wirk­lichkeit ausbrechen.“

Wundt pro­ji­ziert hier seine eigenen poli­ti­schen Ambi­tionen auf die Ver­gan­genheit. Zudem ver­liert die Phi­lo­sophie hier eine eigen­ständige kri­tische Bedeutung. Sie erscheint nur noch als Medium, in dem das Wesen des jewei­ligen Volkes zum Aus­druck gebracht und gegen alle anderen abge­grenzt wird.

Literatur

Max Wundt, Die deutsche Phi­lo­sophie und ihr Schicksal, Bad Lan­gen­salza 1924.

Bildnachweis

Deck­blatt, Hin­ter­grundbild Anhang und Bild 1

  • Titel: Max Wundt
  • Autor: Char­lotte Gröger
  • Quelle: Uni­ver­si­täts­archiv Tübingen; https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/ubt_portraits/54511/Wundt+Max
  • bear­beitet von SB

Bild 2

  • Titelbild: Die deutsche Phi­lo­sophie und ihr Schicksal
  • bear­beitet von SB

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