Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Max Wundt 1924–28: Brückenschlag zwischen völkischen und nationalkonservativen Rechten

In Wundts Schriften der späten 20er Jahre schlägt sich der wach­sende Ein­fluss offen ras­sis­ti­scher und neu­heid­ni­scher Denk­muster wieder. Wundt geht es darum, die ver­schie­denen Strö­mungen der radi­kalen Rechten zusam­men­zu­führen. Vor diesem Hin­ter­grund schreibt er: „Die völ­kische Welt­an­schauung soll ja den Boden bereiten für ein gemein­sames, alle Glieder des deut­schen Volkes ein­heitlich besee­lendes Denken.“

„Alle Welt­an­schau­ungen, die aus deut­schem Geiste gezeugt mit deut­schem Wesen bestehen können, sollen ihr Recht erhalten.“

Max Wundt 1926

Dabei sieht Wundt eine Spaltung zwi­schen „deut­schem Denken“ und „ari­schem Glauben“: Auf der einen Seite stehen Kon­zepte, die eine „deutsche Welt­an­schauung“ über die Tra­dition der „großen Dichter und Denker“ begründen wollen. Auf der anderen Seite stehen Strö­mungen, die einen Bruch mit der eigenen Geschichte und eine Rück­be­sinnung auf vor­christ­liche „Ursprünge“ und gemeinsame „ras­sische Wurzeln“ fordern.

Als Lösung des Dilemmas schlägt er vor, den „ari­schen Glauben“ als Regel der Aus­legung der „deut­schen Denker“ zu ver­stehen. „Aus dem Geiste des ger­ma­ni­schen Mythos müssen wir uns die Gedanken unserer großen Denker deuten, aus dem Geiste des ger­ma­ni­schen Mythos ihr Werk ver­stehen.“ Damit zielt er auf eine Annä­herung der natio­nal­kon­ser­va­tiven Oppo­sition der intel­lek­tu­ellen Eliten an radikal völ­kische Strömungen.

Zudem über­nimmt er zunehmend auch ras­sen­ideo­lo­gische Über­le­gungen in seine Schriften. Den Unter­schieden zwi­schen den in Deutschland ver­brei­teten „Rassen“ müsse eine ent­spre­chende stän­dische Schichtung der Gesell­schaft ent­sprechen. Aus der „ost­i­schen Rasse“ müssten die Arbeiter, aus der „dina­ri­schen“ die Sol­daten und aus der „nor­di­schen“ die „geis­tigen Führer“ rekru­tiert werden. Sie sollen die Spitze des Staates bilden.

Auch hier wird der Versuch deutlich, ein Kom­pro­miss­an­gebot zu for­mu­lieren. Die „Ras­sen­theorien“ der radikal völ­ki­schen Kräfte werden zur ent­schei­denden Grundlage des Staats­ver­ständ­nisses. Zugleich aber sollen die Posi­tionen der tra­di­tio­nellen Eliten gewahrt bleiben.

Die Kontroverse Wundt-Rosenberg

Das von Wundt for­mu­lierte Kom­pro­miss­an­gebot ist aller­dings nicht unwi­der­sprochen geblieben. Zu diesem Zeit­punkt erhob die NSDAP schon einen Allein­ver­tre­tungs­an­spruch für sämt­liche völ­kische Strö­mungen. Dem­entspre­chend hatte Alfred Rosenberg in einer Rezension im „Völ­ki­schen Beob­achter“ vom Dezember 1926 Wundt eine „par­la­men­ta­rische Den­kungsart“ vor­ge­worfen. Wundt wolle es allen recht machen. Ins­be­sondere lasse er eine klare Kampf­stellung ver­missen und es bliebe unklar, was als fremd gelten solle. Im Gegensatz zu Wundt fordert Rosenberg den Bruch mit dem „sokra­ti­schen Denken“ und der bis­he­rigen Form des Christentums.

In diesem Streit teilt Wundt die Beur­tei­lungs­prin­zipien seines Kon­tra­henten. Er bestreitet nur, dass ihm auf der Grundlage dieser Prin­zipien ein Vorwurf zu machen ist. Die Unter­stellung einer par­la­men­ta­ri­schen Den­kungsart sei „eine Behauptung, die gegenüber dem wahren Inhalt meines Denkens, das eine schärfste Kampf­ansage gegen den undeut­schen […] Geist dar­stellt, wohl keiner Wider­legung bedarf.“ Und natürlich sei damit klar benannt, was als fremd gelten muss: „In sämt­lichen Abschnitten des Buches wird mit größter Ent­schie­denheit das echte deutsche dem jüdi­schen Denken gegen­über­ge­stellt, und ihre ein­zelnen Wesenszüge in allen Ein­zel­heiten verfolgt.“

Damit weist diese Kon­tro­verse auch voraus auf zukünftige Ent­wick­lungen: Die Kon­kurrenz zwi­schen ver­schie­denen Begrün­dungs­ver­suchen für letzt­liche geteilte Prin­zipien und Prak­tiken der NS-Politik.

Literatur

Quelle: Max Wundt, Deutsche Welt­an­schauung. Grundzüge völ­ki­schen Denkens, München 1926.

Wundt, Max, in: Völ­ki­scher Beob­achter, 18.02.1927.

Bildnachweis

Deck­blatt, Hin­ter­grundbild Anhang und Bild

  • Titel: Max Wundt
  • Autor: Char­lotte Gröger
  • Quelle: Uni­ver­si­täts­archiv Tübingen; https://www.leo-bw.de/web/guest/detail/-/Detail/details/DOKUMENT/ubt_portraits/54511/Wundt+Max
  • bear­beitet von SB

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