Hegemoniekonflikt und Universität

Die Jenaer Philosophie zwischen den Weltkriegen

Verschiedene 1918–19: Grisebachs Kritik an Führung und Erziehung

Eberhard Gri­sebach stu­diert bei Rudolf Eucken in Jena und habi­li­tiert sich dort im Jahr 1913. Er über­nimmt 1912 die geschäfts­füh­rende Leitung des Kunst­vereins und kann in dieser Funktion ver­schiedene moderne und avant­gar­dis­tische Künstler für Jena gewinnen.

Schon während des Welt­kriegs kün­digen sich Kon­flikte mit den kon­ser­va­tiven Ordi­narien an der Fakultät an: So wirbt er für Ver­stän­digung und rät seinem Lehrer Eucken von einem Enga­gement in der Vater­lands­partei ab. Später setzt er sich gemeinsam mit Julius Schaxel für Hoch­schul­re­formen und für die Ver­bes­serung der Lage der Pri­vat­do­zenten ein. Auch hat er den Vorsitz der phi­lo­so­phi­schen Gesell­schaft in Jena inne, die ein bewusstes Gegen­ge­wicht zu der von Bauch und Wundt gegrün­deten „Deut­schen phi­lo­so­phi­schen Gesell­schaft“ bilden soll. Als er nach der Ermordung Walther Rathenaus im Juni 1922 u.a. mit Karl Korsch und Julius Schaxel zu einer „Aka­de­mi­schen Kund­gebung für die Ver­fassung“ aufruft, wird er dafür von seinen Kol­legen Bruno Bauch und Max Wundt offen ange­feindet. Diese wider­setzen sich auch seiner Berufung zum außer­or­dent­lichen Pro­fessor durch den Volks­bil­dungs­mi­nister Max Greil; beide ver­senden Rund­schreiben an ver­schiedene Uni­ver­si­täten in der gesamten Republik, in denen sie behaupten, Gri­sebach ver­danke seine Berufung in erster Linie seinen Bezie­hungen zu Greil.

Diese hoch­schul­po­li­ti­schen Kon­flikte sind auch mit einem phi­lo­so­phisch-inhalt­lichen Dissens ver­knüpft. Der von Bauch und Wundt erho­benen For­derung nach einer Wie­der­her­stellung natio­naler Größe durch die Besinnung auf die eigene Kultur und starke Füh­rer­per­sön­lich­keiten steht Gri­sebach Zeit seines Lebens skep­tisch gegenüber.

Wer den Verfall alter kul­tu­reller Größe beklagt und deren Wie­der­her­stellung fordert, über­sieht nach Gri­sebach, dass die Berufung auf erreichte Kul­tur­leis­tungen die Ein­ma­ligkeit gegen­wär­tiger Situa­tionen und die hier auf­tre­tenden Ansprüche und Kon­flikte ver­fehlen muss. „In der Pro­blemlage der Gegenwart ist ja die Wis­sen­schaft gar nicht zuständig, auch nicht irgendein Kul­tur­system, sondern alle mit­ge­brachte Wis­sen­schaft und Sys­te­matik werden gerade in dem Kon­fliktsfall in Frage gestellt, weil uns ein anderer Mensch zufällig begegnet, der sich unserem Ver­ständnis und der Besitz­ergreifung wider­setzt.“ Die kon­krete Erfahrung von Wider­stän­digkeit und Kon­flikt bedeutet daher für Gri­sebach auch das Ende bisher bewährter Gesetze und Deu­tungs­muster. Ihre Neu­ge­stal­tungen, die auf diese Infra­ge­stellung reagieren, ent­falten ihre Wirk­samkeit nicht durch Gefolg­schaft, sondern indem sie ange­griffen und kri­ti­siert werden. Auch neu ent­wi­ckelte Kul­tur­leis­tungen schaffen daher keine Einheit – vielmehr sind sie Medien der Auseinandersetzung.

Deshalb führt auch der Wunsch nach Führung in die Irre. Ein solcher Wunsch über­trägt ein begrenztes mili­tä­ri­sches Bild auf das Ganze unserer his­to­risch-gesell­schaft­lichen Welt. Die Wirk­lichkeit gründet sich jedoch nicht auf ein­zelne Prin­zipien oder kon­ti­nu­ier­liche Linien. Es gibt hier keine „Führer“, die Ziele weisen oder Werte angeben könnten, nach denen sich die Wirk­lichkeit zu richten hat. Unsere Wirk­lichkeit hat vielmehr eine plurale, mehr­di­men­sionale Gestalt, die sich aus der Wech­sel­wirkung Ver­schie­dener ergibt. In ihr erfahren wir unsere Schranken, unsere Nicht-Souveränität.

„In dieser För­derung des wirk­lichen Geschehens geht aller­dings niemand im Gleich­schritt, niemand folgt hier einem Fah­nen­träger nach, alle stehen sich Ange­sicht gegen Ange­sicht gegenüber, alle befinden sich im Widerstreit.“

Gri­sebach 1924

Den Wunsch nach Führung und Gefolg­schaft, nach ein­heit­lichen und zeit­über­grei­fenden Kul­tur­sys­temen sieht Gri­sebach vor diesem Hin­ter­grund als pro­ble­ma­tische Flucht aus der mensch­lichen Wirk­lichkeit. Sie führt in eine Traumwelt des „schönen Scheins“, in der wir uns der kon­kreten Ver­ant­wortung für den Anderen ent­ziehen. „Wodurch? Durch Beherr­schung, durch Ver­ge­wal­tigung, durch Empörung, durch Bru­dermord, durch Nicht­hö­ren­wollen der Ansprüche, durch Über­schreien, durch Kampf, wenn es um die Herr­schaft über Länder und Meere geht.“

Dem­ge­genüber kann es in den Augen Gri­se­bachs nur darum gehen, aus­gehend von dem Wissen um die eigenen Grenzen eine Gemein­schaft im Wider­spruch zu schaffen und „trotz der Gegen­sätze Frieden zu halten“. Auch die Rolle der Phi­lo­sophie muss in einer solchen Kon­zeption beschei­dener werden. Sie erschließt nicht mehr absolute Werte, die im kul­tu­rellen Leben einer Nation zu ihrer schritt­weisen Rea­li­sierung gelangen. Einen solchen Anspruch ver­steht Gri­sebach als Anmaßung eines schran­ken­losen Ego­ismus. „Auch die Phi­lo­sophie hat nicht die Aufgabe, von dem ent­schei­denden Prinzip, einem Jen­seits zu reden. Sie kann kri­tisch nur auf den Begriff der Beherr­schung und den Begriff des ent­schei­denden Prinzips Ver­zicht leisten, also selbst alle Führung und Erziehung abgeben.“

Literatur

Eberhard Gri­sebach, Die Grenzen des Erziehers und seine Ver­ant­wortung, Halle 1924.


Bildnachweis

Deck­blatt, Hin­ter­grundbild Anhang und Bild 1

  • Titel: Porträt Eberhard Gri­sebach (1880–1945)
  • Autor: unbe­kannt
  • Quelle: Uni­ver­sität Zürich: Jah­res­be­richt 1945/46 (1946), Uni­ver­si­täts­archiv Zürich
  • bear­beitet von SB

Bild 2

  • Titel: Eberhard Gri­sebach 1917
  • Autor: Ernst Ludwig Kirchner
  • Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bildnis_Eberhard_Grisebach_von_Ernst_Ludwig_Kirchner_1917.jpg

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